Maria Bach
- 17. Apr.
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Aktualisiert: vor 7 Tagen
Ihren Zeitgenoss*innen war Maria Bach (1896–1978) als Komponistin, Dichterin und bildende Künstlerin bekannt. In ihrem Werk übersetzte sie Erinnerungen und Eindrücke in Klang und Bild – ihre Kindheit in Schlössern am Rande Wiens, das Leben während des Krieges und Reisen ins Ausland, reale wie imaginierte. Doch trotz früher Anerkennung kämpfte Bach ihr Leben lang darum, ernst genommen zu werden. Dieser Beitrag erzählt ihre Geschichte anhand von Dokumenten, Briefen und Fotografien aus dem Archiv der Sammlung Renner-Lanjus.

Bach wurde 1896 in eine wohlhabende Wiener Adelsfamilie geboren. Ihre Eltern, Freiherr Robert und Freiin Lenore von Bach, entstammten beide musikalischen Familien – manche behaupteten sogar, sie seien Nachfahren von Johann Sebastian Bach (1685–1750), wenngleich dies umstritten bleibt. Robert und Lenore waren versierte Musiker*innen und Maler*innen, und die Künste bildeten das Fundament der Erziehung ihrer Töchter. Therese, Katharina, Maria und Henriette erhielten alle Privatunterricht im Klavierspiel; die beiden Jüngsten lernten zusätzlich Violine. In ihren Memoiren Blitzlichter aus meinem Leben zeichnet Bach ein lebhaftes Bild dieser Kindheit:
Damals in unserem großen schönen Park, wo vom Parterre aus die alte sandsteinerne Treppe mit den zwei Steinfiguren zum Schloß führte, damals wo wir uns als Kinder herumtrieben, begleitet von drei großen langhaarigen Bernhardinerhunden, die uns die Schultasche beim Gartentürl abnahmen und bis zum Haus brachten, vorbei an den hohen Nußbäumen, denen wir mit einer langen Stange die vielen großen Nüsse herunterpaschten.

Diese Kindheit war in vielerlei Hinsicht privilegiert – die Bachs hatten eine französische Gouvernante und mehrere Bedienstete –, zugleich aber auch abgeschirmt. Die Bach-Schwestern durften keinen Umgang mit anderen Kindern der Stadt haben und verbrachten die meiste Zeit mit ihrer Gouvernante sowie dem Bekanntenkreis ihrer Eltern, der sich zu den renommierten musikalischen Sonntagssalons nach Baden aufmachte. So wurden die Schwestern schon früh mit der Avantgarde ihrer Zeit vertraut: den Maler*innen Ferdinand Hodler, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Elena und Richard Luksch-Makowsky, Carl Moll, Egon Schiele und Axeli Gallen-Kallela sowie den Komponist*innen Erich Wolfgang Korngold, Gustav und Alma Mahler, Josef Marx, Johann Strauss, Richard Wagner und Hugo Wolf.

Ausbildung und frühe Werke
Bach begann im Alter von sechs Jahren mit privatem Klavier- und Violinunterricht an der Musikschule Grimm in Baden. Ihr erstes öffentliches Konzert gab sie 1906 im Alter von zehn Jahren und erhielt eine wohlwollende Besprechung in der Badener Zeitung:
Die erste Glanznummer bildete das von Marie Baronesse von Bach vorgetragene Rondo, D-Dur. Das Kind beherrscht den Stoff mit verblüffender Sivherheit und brachte das kindlich-naive und so sehr zu Herzen gehender Stück in wahrhaft mustergültiger Weise zu Gehör!
Sie setzte ihre musikalische Ausbildung fort, studierte ab dem 14. Lebensjahr Violine bei Arnold Rosé und Jaroslav Suchy sowie ab dem 16. Lebensjahr Klavier bei Paul de Conne. Zur gleichen Zeit begann sie auch mit der Komposition eigener Stücke. Zwischen 1914 und 1918 entstanden die Präludien Warum und Désir, die Klaviergroteske Flohtanz sowie 14 Lieder. Diese Frühwerke wurden in den 1930er Jahren vom Verlag Doblinger veröffentlicht. Einige Stücke waren bereits 1928 beim Verlag Edition Vienna erschienen, doch alle Aufzeichnungen über diesen Verlag wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet.
1919 begann Bach ein Kompositionsstudium bei Josef Marx an der Akademie für Musik und darstellende Kunst (der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst Wien). 1924 hatte sie ihren ersten öffentlichen Auftritt als Komponistin mit den Vier Narrenliedern (komponiert 1921) im Kleinen Saal (heute Schubertsaal) des Wiener Konzerthauses. Diese wurden später orchestriert und 1929 aufgeführt, wobei sie vom Familienfreund und renommierten – wie auch gefürchteten – Kritiker Julius Korngold (1860–1945) gelobt wurden:
Das Narrenlied von Maria Bach zeigt Talent. Die männliche Gilde sehe sich vor! [1]

In den frühen 1930er Jahren begann Bach sich als Komponistin zu etablieren. Sie ließ sich von fernen Ländern wie Japan sowie von nahöstlicher Literatur inspirieren, etwa aus Tausendundeiner Nacht und der Lyrik von Hafez. Solche Vorstellungen vom ‚Orient' laden heute zu Kritik ein, waren jedoch für die damalige Zeit typisch. Obwohl ihre Werke international aufgeführt wurden – in Japan (1932/33) und Frankreich (1933) – und Bach zahlreiche Liederabende in Österreich und Deutschland gab, sah sie sich Vorurteilen ausgesetzt. Frauenfeindlichkeit gegenüber Komponistinnen war weit verbreitet, wie ein namentlich nicht genannter Kritiker 1930 in der Neuen Freien Presse deutlich machte:
[...] und das Gefährlichste! Dieses junge Frauenwesen ist ausgesprochen begabt. Zwar glüht sie, stürmt und weiß nicht wohin! Können und Kindlichkeit hart nebeneinander. Zum Schluß wird es entzückend wüst! Aber auch das mit Talent. Wie klein Mariechen sich den Strawinsky vorstellt… Genie oder Philister, Heilige oder Teufelin, du kannst noch alles werden – vielleicht sogar ein ganz brauchbarer Komponist! [2]
Obwohl Bach solch offenkundiger Frauenfeindlichkeit ausgesetzt war, findet sich in den überlieferten Quellen kein einziger Kommentar von ihr zur Ungleichstellung der Geschlechter oder zu den schwierigen Verhältnissen für Komponistinnen der Zeit. Dasselbe gilt für Bachs politische Haltung in den späten 1930er Jahren, als Österreich im sogenannten Anschluss mit Nazi-Deutschland vereint wurde. Jüdische Musiker*innen und Künstler*innen hatten die Sonntagssalons ihrer Kindheit besucht, und ihre Eltern scheinen keine antisemitischen Ansichten vertreten zu haben – obwohl solche Haltungen damals weit verbreitet waren. Bach veröffentlichte 1938 jedoch den Text Geschichten aus dem Wiener Wald in der antisemitischen Zeitschrift Der Stürmer, und sowohl sie als auch Henriette unterstützten aktiv die Heimwehr. Dem Lied Stratosfera (komponiert 1939–1940) stellte sie eine Widmung an „unsere Helden in der Stratosphäre" voran – österreichische Militärpiloten –, und Hopkins Porter zufolge könnte Bachs Faszination für Japan mit der Tatsache zusammenhängen, dass Japan ein Verbündeter des NS-Regimes war. Als Komponistin hatte Bach unter dem Regime vergleichsweise günstige Bedingungen: Ihre Musik galt nicht als entartet, und sie durfte weiterarbeiten.
Während des Krieges zog sich Bach auf ihr Gut Tulbinger Kogel im Wienerwald zurück und blieb von den schweren Bombardierungen der Stadt weitgehend verschont. In ihren Memoiren beschreibt sie diese Zeit als eine der Einsamkeit – sie arbeitete an ihrer Musik, genoss die umgebende Natur und nähte Taschentücher für die „braven [österreichischen] Soldaten". Sie schildert, wie ein feindlicher Soldat einmal drohte, sie und ihren Partner Arturo Ciacelli zu erschießen, der Bedrohung jedoch mit einem Tabakbeutel begegnet werden konnte. Ihre Schilderungen des Krieges wirken distanziert und naiv, doch ihre Bewunderung für Ciacelli ist greifbar. Diese Beziehung sollte ihr späteres Leben und künstlerisches Schaffen maßgeblich prägen.

Spätere Jahre
Maria Bach lernte den italienischen Futuristen und Novecento-Italiano-Maler Arturo Ciacelli (1883–1966) in den frühen 1940er Jahren kennen; die Kriegsjahre verbrachten sie gemeinsam auf ihrem Gut im Wienerwald. Bach komponierte weiter und begann in dieser Zeit, die sie selbst als „Idyll" bezeichnete, auch Gedichte zu schreiben. Als der Krieg zu Ende ging, sehnte sie sich danach, an ihre Vorkriegskarriere anzuknüpfen. Doch die musikalischen Vorlieben hatten sich gewandelt: Das Publikum wollte die so lange verbotene ‚entartete' Musik hören oder die neuen Klänge der amerikanischen und russischen Besatzer*innen. Bachs Stil – von Hopkins Porter als „romantisierende Volksmusikimitation, […] Rückgriff auf imaginierte nicht-westliche Melodik, Harmonik und Rhythmik sowie Festhalten an längst vergangenen impressionistischen Tendenzen" beschrieben – passte nicht in diese Stimmung, und sie fand nur wenige Auftrittsmöglichkeiten. Doch ihre neu gewonnene Verbindung zu Italien, vermittelt durch Ciacelli, eröffnete ihr ein neues Kapitel in ihrer künstlerischen Laufbahn.
Ab 1951 reisten Bach und Ciacelli jedes Jahr nach Italien. Dort konnte sie ihre Musik aufführen, und ihre bildkünstlerische Praxis entwickelte sich rasch. Schon als Kind war sie für ihre Zeichenbegabung gelobt worden, und einige frühe Ölgemälde sind in der Sammlung Renner-Lanjus erhalten. Ihre Eindrücke vom Alltagsleben in italienischen Städten, von religiösen Umzügen und Musikdarbietungen übertrug sie in ein neues Medium: die Collage. 1951 zeigte Bach ihre Collagen in der Galleria Schettini in Mailand. Weitere Ausstellungen hielt sie in ihrem Lebenslauf fest; die Broschüren und Ankündigungen befinden sich heute im Archiv der Sammlung Renner-Lanjus:
1951: Galleria Schettini, Mailand, Italien
1954: Buchhandlung Kosmos, Wien, Österreich
1954: Vereinigung bildender Künstlerinnen, Wien, Österreich
1954: Union Pictures Gallery, Wisconsin, USA
1955: Museum für Völkerkunde, Hamburg, Deutschland
1956: Vereinigung bildender Künstlerinnen, Wien, Österreich
1956: Galleria Schettini, Mailand, Italien
1962/63: Galleria Schettini, Mailand, Italien
1963: Galleria del Comune, Palazzo delle Esposizioni, Rom, Italien

Eine Auswahl von Maria Bachs Collagen aus der Sammlung Renner-Lanjus.
Bachs Collagen erhielten wohlwollende Kritiken und viel Aufmerksamkeit – etwas, worum sie in Bezug auf ihre Kompositionen lange gerungen hatte. Möglicherweise war dies der Grund, weshalb sie versuchte, musikalische Darbietungen in die Ausstellungen zu integrieren. In ihrem gemeinsamen Studio d'Arte in Wien entwickelten Bach und Ciacelli in den 1950er Jahren das Teatro Sintetico – ein Konzept für eine neue Art von Musiktheater, das Musik, Gesang, Tanz, Pantomime, Melodrama und Licht vereinte und von Hopkins Porter als „multimediale Kunst der 1950er Jahre" beschrieben wird. Ob diese Werke jemals aufgeführt wurden, ist noch ungeklärt. 1962 nahm Bach am Kompositionswettbewerb Concurso Internacional para Compositoras in Buenos Aires, Argentinien, teil, gewann die Goldmedaille und wurde in Lateinamerika veröffentlicht.

Nach Ciacellis Tod 1966 komponierte Bach ein Jahr lang nichts. Zwar schuf sie weiterhin ein bis zwei Werke pro Jahr, widmete jedoch den Großteil ihrer Energie der Förderung von Aufführungen ihres Werks – häufig von ihr selbst in Salons und im Wiener Frauenklub dargeboten. Bach, ihre älteste Schwester Therese und die jüngste, Henriette, traten oft gemeinsam auf: Maria spielte ihre Lieder auf dem Klavier, Henriette begleitete auf dem Cello, und Therese rezitierte zwischen den Liedern ihre Gedichte. 1976 wurde Bach eine Ehrenprofessur verliehen, der ORF drehte Filmmaterial für ein TV-Porträt, und sie wurde in The International Who's Who in Music 1976 aufgenommen.

Maria Bach starb 1978 im Alter von 82 Jahren infolge eines mutmaßlichen Gasaustritts. Jahrzehntelang gerieten ihre Musik und ihre Kunst danach in Vergessenheit – ein Schicksal, das sie mit vielen Komponistinnen ihrer Generation teilt. Inzwischen wurde sie wiederentdeckt: 2022 erschienen zwei CDs mit ihrer Musik, ihre Werke wurden im deutschen und österreichischen Rundfunk gespielt, und 2026 wurde ihr Wolga-Quintett beim Festival La Folle Journée de Nantes aufgeführt und auf ARTE gestreamt. Nun erfährt auch ihr bildnerisches Werk neue Aufmerksamkeit: Ihre Collagen werden erstmals in einem zeitgenössischen Kontext in der Gruppenausstellung Echoes of Light – Friedrich Biedermann and Selected Works from the Renner-Lanjus Collection (17. April – 20. Juni 2026) präsentiert.
Fußnoten: [1] Sowohl Hopkins Porter als auch Eiselmair schreiben das Zitat Julius Korngold zu. Eiselmair gibt an, es sei 1929 in der Neuen Freien Presse erschienen. Dies konnte von uns bislang nicht bestätigt werden.
[2] Wir haben die digitalisierte Ausgabe der Zeitung durchsucht, konnten das Zitat jedoch in der Ausgabe vom 19.02.1930 nicht auffinden. Es wird jedoch sowohl von Hopkins Porter als auch von Eiselmair sowie in Maria Bachs persönlichen Aufzeichnungen zitiert.
[3] Die Heimwehr bestand aus verschiedenen lokalen paramilitärischen Gruppen, die nationalistische und patriotische Ideen aufgriffen und sich an Benito Mussolini orientierten. Ob die Heimwehr als faschistisch einzustufen ist, ist in der Forschung umstritten.
Quellen
Anonym. (1930, 19. Februar). Ohne Titel. Neue Freie Presse.
Baronin Bach. (1938). Geschichten aus dem Wiener Wald. Der Stürmer.
Die andere Bach. (2023, 11. August). oe1.orf.at. Abgerufen am 15. April 2026, von https://oe1.orf.at/programm/20230811/729322/Die-andere-Bach
Eiselmair, G. M. (1996). Die männliche Gilde sehe sich vor! Die österreichische Komponistin Maria Bach. Löcker Verlag.
La Folle Journée de Nantes 2026 - Flüsse - Programm in voller Länge | ARTE Concert. (o. D.). ARTE. https://www.arte.tv/de/videos/130360-001-A/la-folle-journee-de-nantes-2026/
Lokalnachrichten. (1906, 24. Januar). Badener Zeitung, 3.
Maria Bach – Piano Quintet „Wolga"; String Quintet, Cello Sonata. (2022). discogs.com. Abgerufen am 15. April 2026, von https://www.discogs.com/release/31418567-Maria-Bach-Piano-Quintet-Wolga-String-Quintet-Cello-Sonata
Maria Bach – Piano Quintet „Wolga-Quintet" / Cello Sonata / Suite For Cello Solo. (2022). discogs.com. Abgerufen am 15. April 2026, von https://www.discogs.com/release/23820689-Maria-Bach-Oliver-Triendl-Marina-Grauman-Nina-Karmon-%C3%96yk%C3%BC-Canpolat-Alexander-H%C3%BClshoff-Piano-Quint
ORF Ö1. (2022, 12. April). Die Wiederentdeckte: Gezügelte Leidenschaft - die Kammermusik der Maria Bach wird virtuos neu entdeckt. oe1.orf.at. Abgerufen am 15. April 2026, von https://oe1.orf.at/programm/20220411/675311/Die-Wiederentdeckte
Porter, C. H. (2012). Five lives in music: Women Performers, Composers, and Impresarios from the Baroque to the Present. University of Illinois Press.
Ritterstaedt, J. (2025, 15. Dezember). Ein Gefühl von Weite: Maria Bach.
Schreiber, S. (2024, 11. März). Maria Bach wird geboren: Komponistin und Malerin. BR-Klassik. Abgerufen am 15. April 2026, von https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/maria-bach-komponistin-oesterreich-geboren-1896-100.html













